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panisch begeistert
panisch begeistert
(Grundstimmung I)
 

Digitaldruck auf Leinwand

B x H: 80cm x 100cm

 ... "Tito blickte gespannt nach dem finsteren Felsgrat hinüber, hinter dem der Himmel im Morgenlicht wogte. Jetzt blitzte ein Stückchen des Steinrückens heftig auf wie glühendes und eben im Schmelzen begriffenes Metall, der Grat wurde unscharf und schien plötzlich niedriger geworden, schien schmelzend hinabzusinken, und aus der glühenden Lücke trat blendend das Gestirn des Tages. Zugleich wurden Erdboden, Haus, Badehütte und diesseitiges Seeufer  beschienen, und die beiden Gestalten, in der starken Strahlung stehend, empfanden alsbald die wohlige Wärme dieses Lichtes. Der Knabe, erfüllt von der feierlichen Schönheit des Augenblicks und dem beglückenden Gefühl seiner Jugend und Kraft, reckte die Glieder mit rhythmischen Bewegungen der Arme, welchen bald der ganze Körper folgte, um in einem enthusiastischen Tanz den Tagesanbruch zu feiern und sein inniges Einverständnis mit den um ihn wogenden und strahlenden Elementen auszudrücken. ...

 

Der Magister war, auch er, vom feierlichen Schauspiel des anbrechenden Tages in dieser felsig schweigenden Einsamkeit ergriffen und bewegt. Mehr aber als dieser Anblick ergriff und fesselte ihn der menschliche Vorgang vor seinen Augen, der festliche Morgen- und Sonnenbegrüßungstanz seines Schülers, der den halbfertigen, von Launen beherrschten Jüngling in einen wie gottesdienstlichen Ernst hinanhob und ihm, dem Zuschauer, seine tiefsten und edelsten Neigungen, Begabungen und Bestimmungen in einem Augenblick ebenso plötzlich, strahlend und enthüllend eröffnete, wie das Erscheinen der Sonne dies kalte finstere  Bergseetal erschlossen und durchleuchtet hatte. Stärker noch und bedeutender erschien ihm der junge Mensch, als er ihn sich bisher gedacht hatte, aber auch härter, unzugänglicher, geistferner, heidnischer. Dieser Fest- und Opfertanz des panisch Begeisterten war mehr als die Reden  und Verse des jungen Plinio einst gewesen waren, er rückte ihn um manche Stufe höher, ließ ihn aber auch fremder, ungreifbarer, dem Anruf unerreichbarer erscheinen....

 

Quelle: Hermann Hesse, Gesammelte Dichtungen, Sechster Band, Glasperlenspiel, Suhrkamp Verlag, 1952, S.538f