Ergänzende Informationen

 
Glasperlenspiel, Glass Bead Game, Hermann Hesse, Contemporary Art, Malerei, Axel Müller,
panisch begeistert (Grundstimmung I)

 

Digitaldruck auf Leinwand

B x H: 56,5cm x 70,6cm / 76cm x 95cm / 96cm x 120cm

wie betäubt (Grundstimmung II)

 

Digitaldruck auf Leinwand

B x H: 80cm x 89,5cm / 90cm x 100,7cm / 110cm x 123cm

Glasperlenspiel, Glass Bead Game, Hermann Hesse, Contemporary Art, Malerei, Axel Müller,
 
erstaunt und verwundert
erstaunt und verwundert (Grundstimmung III)

 

Digitaldruck auf Leinwand

B x H: 80cm x 87,1cm / 100cm x 109cm / 124cm x 135cm

Grundstimmung, Martin Heidegger, Glasperlenspiel, Glass Bead Game, Hermann Hesse, Malerei, Contemporary Art, Axel Müller,
weder aus noch ein wissen (Grundstimmung IV)

 

Digitaldruck auf Leinwand

B x H: 33,5cm x 70cm / 50,2cm x 105cm / 67cm x 140cm

Gelassenheit, Heidegger, Contemporary Art, Malerei, Axel Müller, Asian Art,
Gelassenheit (Grundstimmung V)
(zeigende Gebärde)

 

Digitaldruck auf Leinwand

B x H: 60cm x 80cm / 80cm x 106,6cm / 100cm x 133,3cm / 120cm x 160cm

 

Hermann Hesse, 1927, Foto: Gret Widmann

... "Der junge Schwimmer (Tito Designori, Anm.d.Verf.) hatte des öftern zurückgeblickt und mit Genugtuung wahrgenommen, daß der Magister ihm ins Wasser gefolgt sei. Nun spähte er wieder, sah den andern nicht mehr, wurde unruhig, spähte und rief,  kehrte um und beeilte sich, um ihm beizustehen. Er fand ihn nicht mehr und suchte schwimmend und tauchend so lange nach dem Versunkenen, bis in der bittern Kälte auch ihm die Kräfte schwanden. Taumelnd und atemlos kam er  endlich an Land, sah den Bademantel am Ufer liegen, hob ihn auf und begann sich damit mechanisch Leib und Glieder abzureiben, bis die erstarrte Haut sich wieder erwärmte.In der Sonne setzte er sich nieder wie betäubt, starrte ins Wasser, dessen kühles Blaugrün ihn jetzt wunderlich leer, fremd und böse anblickte, und fühlte sich von Ratlosigkeit und tiefer Traurigkeit ergriffen, als mit dem Schwinden der körperlichen Schwäche das Bewußtsein und der Schreck über das Geschehene wiederkehrte.

Oh weh, dachte er entsetzt, nun bin ich an seinem Tode schuldig! Und erst jetzt, wo kein Stolz zu wahren und kein Widerstand mehr zu leisten war, spürte er im Weh seines erschrockenen Herzens, wie lieb er diesen Mann schon gehabt hatte. Und indem er sich, trotz allen Einwänden, an des Meisters Tode mitschuldig fühlte,  überkam ihn mit heiligem Schauer die Ahnung, daß diese Schuld ihn selbst und sein Leben umgestalten und viel Größeres von ihm fordern werde, als er bisher von sich verlangt hatte."  

 

              

Quelle: Hermann Hesse, Gesammelte Dichtungen, Sechster Band, Glasperlenspiel, Suhrkamp Verlag, 1952, S.543

 

 

Hermann Hesse, FOTO: Hesse Museum Gaienhofen

... "Tito blickte gespannt nach dem finsteren Felsgrat hinüber, hinter dem der Himmel im Morgenlicht wogte. Jetzt blitzte ein Stückchen des Steinrückens heftig auf wie glühendes und eben im Schmelzen begriffenes Metall, der Grat wurde unscharf und schien plötzlich niedriger geworden, schien schmelzend hinabzusinken, und aus der glühenden Lücke trat blendend das Gestirn des Tages. Zugleich wurden Erdboden, Haus, Badehütte und diesseitiges Seeufer  beschienen, und die beiden Gestalten, in der starken Strahlung stehend, empfanden alsbald die wohlige Wärme dieses Lichtes. Der Knabe, erfüllt von der feierlichen Schönheit des Augenblicks und dem beglückenden Gefühl seiner Jugend und Kraft, reckte die Glieder mit rhythmischen Bewegungen der Arme, welchen bald der ganze Körper folgte, um in einem enthusiastischen Tanz den Tagesanbruch zu feiern und sein inniges Einverständnis mit den um ihn wogenden und strahlenden Elementen auszudrücken. Seine Schritte flogen der siegreichen Sonne freudig huldigend entgegen, wichen ehrfürchtig vor ihr zurück, die ausgebreiteten Arme zogen Berg, See und Himmel an sein Herz, niederkniend schien er der Erdmutter, händebreitend den Wassern des Sees zu huldigen und sich, seine Jugend, seine Freiheit, sein innig aufflammendes Lebensgefühl wie eine festliche Opfergabe den Mächten anzubieten. Auf seinen braunen Schultern spiegelte das Sonnenlicht, seine Augen waren gegen die Blendung halb geschlossen, das junge Gesicht starrte maskenhaft in einem Ausdruck von begeistertem, beinahe fanatischem Ernst.

Der Magister war, auch er, vom feierlichen Schauspiel des anbrechenden Tages in dieser felsig schweigenden Einsamkeit ergriffen und bewegt. Mehr aber als dieser Anblick ergriff und fesselte ihn der menschliche Vorgang vor seinen Augen, der

festliche Morgen- und Sonnenbegrüßungstanz seines Schülers, der den halbfertigen, von Launen beherrschten Jüngling in einen wie gottesdienstlichen Ernst hinanhob und ihm, dem Zuschauer, seine tiefsten und edelsten Neigungen, Begabungen und Bestimmungen in einem Augenblick ebenso plötzlich, strahlend und enthüllend eröffnete, wie das Erscheinen der Sonne dies kalte finstere  Bergseetal erschlossen und durchleuchtet hatte. Stärker noch und bedeutender erschien ihm der junge Mensch, als er ihn sich bisher gedacht hatte, aber auch härter, unzugänglicher, geistferner, heidnischer. Dieser Fest- und Opfertanz des panisch Begeisterten war mehr als die Reden  und Verse des jungen Plinio einst gewesen waren, er rückte ihn um manche Stufe höher, ließ ihn aber auch fremder, ungreifbarer, dem Anruf unerreichbarer erscheinen.

 

Der Knabe selbst war von diesem Enthusiasmus ergriffen worden, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Es war nicht etwa ein ihm schon bekannter, von ihm schon getanzter oder versuchter Tanz, den er ausführte; es war kein ihm schon geläufiger, von ihm erfundener Ritus der Sonnen und Morgenfeier, und es hatte, wie er erst etwas später erkennen sollte, an seinem Tanz und seiner magischen  Besessenheit nicht nur Gebirgsluft, Sonne, Morgen und Freiheitsgefühl teil, sondern nicht minder die auf ihn wartende Wandlung und Stufe seines jungen Lebens, erschienen in der so freundlichen wie ehrfurchtfordernden Gestalt des Magisters. Vieles traf in dieser Morgenstunde im Schicksal des jungen Tito und in seiner Seele zusammen, um die Stunde vor tausend andern als eine hohe, festliche, geweihte auszuzeichnen. Ohne zu wissen, was er tue, ohne Kritik und ohne Argwohn, tat er, was der selige Augenblick von ihm verlangte, tanzte seine Andacht, betete zur Sonne, bekannte in hingegebenen Bewegungen und Gebärden seine Freude, seinen Lebensglauben, seine Frömmigkeit und Ehrfurcht, brachte stolz zugleich und ergeben der Sonne und den Göttern im Tanz seine fromme Seele zum Opfer dar und nicht minder dem Bewunderten und auch Gefürchteten, dem Weisen und Musiker, dem aus geheimnisvollen Bezirken kommenden Meister des magischen Spieles, seinem künftigen Erzieher und Freunde. Dies alles, gleich dem Lichtrausch des Sonnenaufgangs, währte nur Minuten. Ergriffen sah Knecht dem wunderbaren Schauspiel zu, in welchem der Schüler vor seinen Augen sich verwandelte und enthüllte, ihm neu und fremd und vollwertig als seinesgleichen entgegentrat. Beide standen sie auf dem Gehsteige zwischen Haus und Hütte, von der Lichtfülle aus Osten gebadet und vom Wirbel des eben Erlebten tief erregt, als Tito, kaum hatte er den letzten Schritt seines Tanzes getan, aus dem Glückstaumel erwachte und wie ein beim einsamen Spielen überraschtes Tier stehenblieb, gewahr werdend, daß er nicht allein sei, daß er nicht nur Ungewöhnliches erlebt und getan, sondern auch einen Zuschauer dabei gehabt habe. Blitzschnell folgte er dem ersten Einfall, der ihm ermöglichte, aus der Lage zu entkommen, die er plötzlich als irgendwie gefährlich und beschämend zu erkennen meinte, und die Zauber dieser wunderlichen Augenblicke, die ihn so völlig eingesponnen und überwältigt hatten, kräftig zu durchbrechen.

Sein eben noch alterslos maskenstrenges Gesicht nahm einen kindlichen und etwas törichten Ausdruck an, wie das eines allzu plötzlich aus tiefem Schlaf Geweckten, er wiegte sich ein wenig in den Knien, blickte dem Lehrer dummerstaunt ins Gesicht und streckte mit plötzlicher Eile, als falle ihm soeben etwas Wichtiges, beinahe schon Versäumtes ein, den rechten Arm mit zeigender Gebärde aus, auf das jenseitige Seeufer weisend, das wie die Hälfte der Seebreite noch in dem großen Schatten lag, den der vom Morgenstrahl bezwungene Felsberg allmählich immer enger um seine Basis zusammenzog."

        

Quelle: Hermann Hesse, Gesammelte Dichtungen, Sechster Band, Glasperlenspiel, Suhrkamp Verlag, 1952, S.538f

 

 

Ein paar kurze Erläuterungen und Hinweise 

zum Begriff der Grundstimmung

"Bleibt die Grundstimmung aus, dann ist alles ein erzwungenes Geklapper von Begriffen und Worthülsen."

...

 

"Die Grundstimmung heißt uns: das Erschrecken, die Verhaltenheit, die Scheu, die Ahnung, das Er-ahnen... Die Ahnung... ist in sich Schrecken und Begeisterung zugleich..."

...

 

"Jede Nennung der Grundstimmung in einem einzigen Wort legt auf eine Irrmeinung fest.  ... Daß die Grundstimmung... vielnamig sein muß, widerstreitet nicht ihrer Einfachheit, bestätigt aber ihren Reichtum und ihre Befremdlichkeit."

...

 

"Die Grundstimmung aber ist nicht nur nicht Gefühl, ein Seelen- und Subjektvermögen unter anderen, sie ist nicht nur Grund  aller Verhaltungen, sie durchstimmend, sie ist nicht nur Befindlichkeit."

...

 

"Stimmung ist hier gemeint im inständlichen Sinne... Jede (andere) äußerliche und psychologische Vorstellung von Stimmung ist hier fernzuhalten."

 

Zum Begriff der Grundstimmung vgl.: Martin Heidegger, Gesamtausgabe, III. Abteilung: Unveröffentlichte Abhandlungen, Band 65, Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), S.14ff, 20ff, Frankfurt am Main, 3.unveränderte Auflage 2003 und Band 66, Besinnung, S.236ff, 320ff, Frankfurt am Main 1997

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