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KOMMENTAR (I)

Der Begriff „enthusiastisch“ hat eine tiefere Bedeutung, als das heutige „mit großer Begeisterung“ zunächst vermuten lässt. Gerade im Zusammenhang mit Hermann Hesses „panisch begeistert“ bekommt das Wort eine interessante Doppelbedeutung, weil darin Enthusiasmus, Pan und Dionysos miteinander in Beziehung treten können.

1. „Enthusiastisch“ – ursprünglich: von einem Gott erfüllt

„Enthusiasmus“ geht auf das griechische ἐνθουσιασμός (enthousiasmós) zurück. Dahinter steht ἔνθεος (éntheos):

  • en (ἐν) = in, innerhalb

  • theos (θεός) = Gott

Wörtlich lässt sich éntheos daher ungefähr als „gott-erfüllt“, „einen Gott in sich habend“ oder „von einem Gott ergriffen“ verstehen. Enthousiazein bezeichnete entsprechend einen Zustand, in dem ein Mensch von einer Gottheit inspiriert oder ergriffen ist, bis hin zur Ekstase. Das Entscheidende ist: Der ursprüngliche Enthusiasmus bezeichnet nicht bloß eine besonders starke persönliche Freude. Der Ursprung des Erlebens liegt gewissermaßen außerhalb des gewöhnlichen Ichs. Der Mensch wird von etwas Größerem ergriffen. Das erklärt auch die Nähe des antiken Begriffs zu Prophetie, Dichtung, Musik und religiöser Ekstase. In der antiken Überlieferung konnte etwa die Inspiration der Pythia oder die dionysische Ekstase als enthousiasmos verstanden werden; auch Platon spricht von göttlicher Inspiration des Dichters. (Dialoge Ion und Phaidros)

2. Dionysos: Enthusiasmus als Ekstase

Bei Dionysos wird diese ursprüngliche Bedeutung besonders anschaulich. Der Dionysos-Kult zielte auf eine Aufhebung beziehungsweise Überschreitung des gewöhnlichen Ich-Zustandes. Tanz, Musik, Wein, Rhythmus und ekstatische Bewegung konnten den Menschen aus seiner alltäglichen Selbstbegrenzung herausführen. Der „Enthusiast“ wäre in diesem ursprünglichen Sinn also nicht einfach jemand, der sagt: „Das finde ich toll.“ Sondern eher jemand, der von einer Macht ergriffen wird. Das ist der tiefere Sinn von Begeisterung: Auch das deutsche Wort „Be-geisterung“ enthält ja die Vorstellung, dass ein Geist in den Menschen kommt. Bei Dionysos ist dieser Vorgang besonders radikal: Das Individuum verliert für einen Augenblick seine isolierte Stellung und wird Teil eines größeren, kosmischen, rauschhaften Lebenszusammenhangs.

3. Und dann kommt Pan ins Spiel

Hier wird Hesses Formulierung „panisch begeistert“ besonders interessant. Denn Pan steht für eine andere Form des Ergriffenseins. Von seinem Namen kommt unser Wort „Panik“. In der griechischen Mythologie konnte Pan Menschen durch sein plötzliches Erscheinen oder seine Schreie in einen grundlosen, überwältigenden Schrecken versetzen. Daher die Verbindung von Pan mit dem „panischen“ Schrecken. Zugleich wird Pan aber auch mit Natur, Musik, Inspiration und Prophetie verbunden und steht in enger Beziehung zu Dionysos. Damit entsteht eine bemerkenswerte Polarität:

 

Pan → Schrecken, Naturgewalt, plötzliches Ergriffensein

Dionysos → Rausch, Ekstase, Entgrenzung, göttliche Begeisterung

 

Beide führen aber über das gewöhnliche rationale Ich hinaus.Das Entscheidende an „panisch begeistert“ ist deshalb die Verbindung zweier scheinbar gegensätzlicher Zustände: Schrecken und Begeisterung. Angst und Ekstase. Erschütterung und Verzückung.

4. „Panisch begeistert“ bei Hesse

Bei Hesses „Das Glasperlenspiel“ würde ich die Formulierung deshalb nicht einfach mit „sehr begeistert“ übersetzen. Interessant ist zunächst, dass Belpunt tatsächlich der Ort ist, an den Knecht am Ende des Romans mit Tito geht. Im Text wird Belpunt als abgelegenes Haus an einem Bergsee im Hochgebirge beschrieben. Noch wichtiger ist aber der größere Zusammenhang des Romans: Das Glasperlenspiel wird immer wieder als etwas beschrieben, das über bloße intellektuelle Technik hinausgeht. Es kann den Menschen ergreifen, erheben und in eine andere geistige Dimension führen. Hesse spricht ausdrücklich von der religiösen Wendung des Spiels und von seiner Nähe zu Kontemplation und „heiligem“ Sinn. Wenn man nun „panisch begeistert“ als Schlüsselwort liest, bekommt es eine fast programmatische Bedeutung. Begeisterung bedeutet ursprünglich:


→ Ein Gott ist in mir.

Panisch bedeutet:
→ Pan ergreift mich.

Dionysisch bedeutet:
→ Ich werde aus meinem begrenzten Ich herausgerissen.

Damit wäre „panisch begeistert“ eine Art Doppelbewegung der Entgrenzung.

5. Das Paradox der Formulierung

Gerade das Paradoxe macht die Formulierung stark. „Begeistert“ klingt zunächst positiv, hell, freudig. „Panisch“ klingt dagegen nach Angst, Kontrollverlust und Schrecken. Zusammen ergibt sich: eine Begeisterung, die so stark ist, dass sie das gewöhnliche Ich erschüttert. Das ist näher am ursprünglichen griechischen Enthusiasmus als unser heutiger Gebrauch des Wortes. Der Enthusiast ist ursprünglich gerade nicht vollständig Herr seiner selbst. Er ist „außer sich“, weil etwas anderes in ihm wirksam wird. Das verbindet den Begriff mit dem griechischen ἔκστασις – ékstasis, dem „Außer-sich-Stehen“.

6. Eine besonders interessante Verbindung zu Hesses „Glasperlenspiel“

Das macht Hesses Wortwahl für das „Belpunt“-Thema besonders ergiebig. Das Glasperlenspiel ist einerseits: Ordnung – Mathematik – Musik – Struktur – Geist, aber andererseits: Versenkung – Ergriffenheit – Ekstase – Überschreitung des Ichs. Hesse beschreibt gerade diese Spannung. Das Spiel soll nicht bloß eine intellektuelle Technik sein; seine tiefere Bedeutung liegt in der Kontem-plation und in einer Erfahrung, die über das bloße Kombinieren von Zeichen hinausgeht. Und hier könnte „panisch begeistert“ als geradezu ideale Formel erscheinen:

Das Rationale wird vom Irrationalen durchdrungen.
Die Ordnung wird von der Ekstase berührt.
Der Geist wird von der Natur ergriffen.
Das Ich wird von etwas Überpersönlichem erschüttert.

Das wäre zugleich eine Brücke zwischen Apollinischem und Dionysischem: zwischen Form und Rausch, Maß und Entgrenzung, Ordnung und Chaos..

So gelesen ist „panisch begeistert“ ein ausgesprochen dichter Ausdruck: Er verbindet den alltäglichen Begriff „Begeisterung“ mit seiner archaischen religiösen Bedeutung und fügt ihm durch „panisch“ die Dimension des plötzlichen, naturhaften, überwältigenden Ergriffenseins hinzu, was sowohl angesichts der beeindruckenden Hochgebirgswelt in Belpunt (!) als auch dem plötzlichen (Opfer)Tod des Meisters leicht nachvollziehbar ist.

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KOMMENTAR (II)

Der Name Abraxas ist einer der rätselhaftesten Begriffe der spätantiken Religionsgeschichte. Bei Hermann Hesse erhält er in „Demian“ eine neue, literarisch-psychologische Bedeutung: Abraxas wird zum Symbol einer Gottheit, die Gegensätze in sich vereinigt: Männlich – Weiblich, Gut und Böse, Licht und Dunkel, Geist und Natur, das Göttliche und das Dämonische.

1. Woher kommt der Name „Abraxas“?

Abraxas (auch Abrasax) begegnet vor allem in den Schriften und Amuletten der spätantiken Gnosis, besonders im 2. Jahrhundert n. Chr. Die genaue Herkunft und Bedeutung des Namens sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Eine verbreitete antike Deutung verbindet ABRAXAS mit dem griechischen Zahlenwert seiner Buchstaben:

Α Β Ρ Α Ξ Α Σ

Die entsprechenden griechischen Zahlwerte ergeben:

1 + 2 + 100 + 1 + 60 + 1 + 200 = 365

Die 365 wurde symbolisch mit den 365 Tagen des Jahres beziehungsweise mit der Gesamtheit des kosmischen Jahres verbunden. In bestimmten gnostischen Systemen erscheint Abraxas deshalb als eine übergeordnete kosmische Macht. (Die Vorstellung, dass Abraxas ursprünglich schlicht „365“ bedeute, ist eine antike und dann spätere numerologische Deutung, keine gesicherte Übersetzung des Namens.)

2. Wie wird Abraxas dargestellt?

Besonders faszinierend ist die ikonographische Gestalt des Abraxas. Auf sogenannten Abraxas-Gemmen erscheint häufig eine Mischgestalt:

  • menschlicher Oberkörper

  • Hahnen- oder Vogelkopf

  • Schlangen als Beine

  • in den Händen Waffen oder andere Attribute

  • manchmal mit Schild oder Peitsche

Diese Gestalt ist geradezu eine Zusammensetzung verschiedener Bereiche. Der Hahn verweist unter anderem auf Licht, Morgen und Wachheit; die Schlangen verbinden die Gestalt mit Erde, Unterwelt, Erneuerung und dem Chthonischen. Abraxas ist dadurch kein „schöner“ Gott im klassischen griechischen Sinn. Seine Gestalt ist gewissermaßen eine Collage von Gegensätzen.

3. Abraxas und die Gnosis

Die gnostischen Systeme gehen häufig von einer fundamentalen Spannung aus: Geist und Materie, Licht und Dunkelheit, höherer göttlicher Welt und der unvollkommenen Welt des Menschen.

Abraxas lässt sich innerhalb bestimmter gnostischer Traditionen gerade nicht einfach als „der gute Gott“ verstehen. Er steht vielmehr für eine übergeordnete kosmische Macht, die Gegensätze integriert bzw. umfaßt.

4. Abraxas in Hesses Roman „Demian“

In „Demian“ wird Abraxas erstmals durch den Organisten Pistorius eingeführt und ausführlicher thematisiert. Die entscheidende Idee lautet sinngemäß: Abraxas ist der Gott, der sowohl das Göttliche als auch das Teuflische umfasst. Das ist für den Roman von zentraler Bedeutung. Denn Sinclair befindet sich in einem inneren Konflikt zwischen zwei Welten:

Die helle Welt

  • Familie

  • Religion

  • Ordnung

  • Moral

  • Sicherheit

und die dunkle Welt

  • Sexualität

  • Trieb

  • Gewalt

  • Schuld

  • Dämonisches

  • Unbewusstes

Die traditionelle Moral verlangt, eine Seite zu wählen. Abraxas steht dagegen für die Vereinigung beider Seiten in einer höheren Einheit.

5. „Gott und Teufel“ – der entscheidende Gedanke

Bleiben wir noch kurz bei Hesse. Das berühmte Abraxas-Motiv im Demian lässt sich als Kritik an einer rein dualistischen Welt- und Moralvorstellung  lesen. Wenn der Mensch nur das „Gute“ anerkennt und alles Dunkle aus seinem Bewusstsein verdrängt, entsteht ein gespaltenes Selbst. Hesse formuliert das Problem radikal: Das Göttliche kann nicht vollständig verstanden werden, wenn das Dunkle aus ihm ausgeschlossen wird. Damit wird Abraxas zum Symbol für eine Religion, die nicht nur das Helle, sondern die gesamte Wirklichkeit umfasst. Das bedeutet allerdings nicht: „Gut und Böse sind einfach dasselbe.“ Vielmehr geht es um die Erkenntnis, dass der Mensch beide gegensätzliche Dimensionen in sich trägt und seine Entwicklung nicht dadurch vollendet, dass er eine davon leugnet oder verdrängt.

 

6. Abraxas und C. G. Jung

Hier wird Hesses Abraxas besonders interessant. Demian erschien 1919, also in einer Zeit, in der Hesse intensiv mit psychologischen und tiefenpsychologischen Fragestellungen beschäftigt war.

Das Abraxas-Motiv lässt sich deshalb sehr gut neben C.G.Jungs Begriff der Integration des Schattens lesen. Der „Schatten“ bezeichnet bei Jung vereinfacht diejenigen psychischen Aspekte, die das bewusste Ich nicht akzeptiert oder verdrängt. Bei Sinclair geschieht etwas Ähnliches: Er muss erkennen, dass die verdrängte „dunkle“ Seite nicht einfach beseitigt werden kann. Sie ist real und gehört zu seiner eigenen Existenz. Abraxas wird damit zu einem Symbol für die Integration der Gegensätze. 

 

7. Abraxas und der Vogel

Ein weiteres zentrales Symbol in Demian ist der Vogel. Das berühmte Bild lautet: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei.“ Das Ei ist die bisherige Welt Sinclairs. Der Vogel muss diese Welt zerbrechen, um in eine neue Form der Existenz zu gelangen. Und dieser Vogel ist mit Abraxas eng verbunden.  Abraxas ist nicht einfach eine Figur neben anderen Figuren der Handlung. Er bezeichnet einen Prozess der inneren Verwandlung. Sinclair muss seine bisherige Welt überschreiten und das finden, was Hesse später die "Einheit hinter den Gegensätzen" nennt..

 

8. Abraxas und das Individuum

Damit wird Abraxas zu einem Symbol für das, was später in Hesses Werk immer wieder zur Sprache kommt: Der Mensch muss sich selbst verwirklichen - genauer: Er muß sein Selbst verwirklichen - aber dieses „Selbst“ ist größer als das bewusste Ich.

Es enthält:

  • Vernunft und Trieb

  • Licht und Schatten

  • Ordnung und Chaos

  • Geist und Natur

  • Liebe und Gewalt

  • Heiliges und Dämonisches

Der Mensch soll diese Gegensätze nicht einfach ausleben, sondern erkennen und in eine höhere Einheit bringen.

 

9. Abraxas und Dionysos

Hier zeigt sich eine interessante Verbindung zu Pan und Dionysos. Denn Abraxas, Pan und Dionysos gehören zwar nicht derselben religiösen Tradition an, aber ihre Symbolwelt ermöglicht  interessante Parallelen.

Dionysos steht für: Rausch – Natur – Trieb – Ekstase – Auflösung der Ich-Grenzen

Pan steht für: Natur – Sexualität – Instinkt – Schrecken – das Unbewusste

Abraxas steht (bei Hesse) für:Vereinigung von Licht und Dunkelheit – Gott und Dämon – Geist und Natur. Man könnte deshalb sagen: Pan und Dionysos repräsentieren bestimmte Kräfte, die das bürgerlich-rationale Ich überschreiten. Abraxas bezeichnet die umfassendere Einheit dieser Gegensätze. Er ist damit ein Symbol für eine neue Bewusstseinsstufe.(Das ist allerdings nur eine Interpretation der Symbolik, keine historische Gleichsetzung dieser Götter.)

  

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KOMMENTAR (III)

Logos spermatikos (griechisch λόγος σπερματικός, lógos spermatikós) bedeutet wörtlich etwa „samenhafter Logos“, „zeugender Vernunftgrund“ oder „keimhaft wirkende Vernunft“. Sinngemäß wird er meist als „Keimkraft“, „Zeugungsprinzip“ oder „schöpferischer Weltkeim“ übersetzt. Der Begriff gehört zu den besonders fruchtbaren Vorstellungen der antiken Philosophie, weil er eine Verbindung zwischen Geist, Natur, Werden und Gestaltung herstellt. Gerade deshalb lässt er sich auch sehr gut auf die Kunst und hier vor allem auf den künstlerischen Schaffensprozess beziehen.

1. Die Herkunft des Begriffs

Die beiden Bestandteile sind:

  • lógos (λόγος) – Wort, Rede, Vernunft, Sinn, Ordnung, Verhältnis

  • spermatikós (σπερματικός) – samenhaft, den Samen betreffend, keimhaft

Das Bild ist also das des Samens, in dem bereits eine zukünftige Gestalt als Möglichkeit enthalten ist. Der Begriff stammt aus der Stoa, insbesondere aus der stoischen Naturphilosophie. Für die Stoiker ist der Logos die vernünftige, ordnende Kraft, die den gesamten Kosmos durchdringt. Die Natur ist demnach nicht bloß ein chaotischer Stoff, sondern besitzt eine innere vernünftige Struktur (z.B. Naturgesetze). Der logos spermatikos bezeichnet dabei die zeugenden Vernunft-kräfte, durch welche sich diese kosmische Ordnung in den einzelnen Dingen und Lebewesen verwirklicht. Man könnte vereinfacht sagen: Der Logos ist die kosmische Ordnung; der Logos spermatikos ist diese Ordnung als schöpferischer Keim.

2. Das Bild des Samens

Das Entscheidende ist das Wort „Samen“. Ein Samen ist noch nicht der fertige Baum. Aber er enthält – nicht als fertiges Bild, sondern als Möglichkeit und Kraft des Werdens – die Voraus-setzung für den Baum. Damit entsteht eine interessante Unterscheidung: Form → nicht fertiges Produkt - sondern: Form → im Werden begriffene Möglichkeit. Der logos spermatikos ist also kein fertiger Bauplan, vielmehr eine im Stoff wirksame Gestaltungskraft, die sich frei entfaltet. Das macht den Begriff für die Kunst besonders interessant.

 

3. Logos spermatikos und Kunst

Übertragen auf die Kunst könnte man sagen: Ein Kunstwerk beginnt nie mit einer klaren Vorstellung. Vielmehr steht am Anfang vielleicht:

  • eine flüchtige Wahrnehmung,

  • ein Bild,

  • ein Gedanke,

  • ein Rhythmus,

  • eine Farbe,

  • eine Bewegung,

  • eine Stimmung,

  • eine Erinnerung...

Das ist der Keim des späteren Werkes. Der künstlerische Prozess besteht dann darin, die weitere Entwicklung der keimhaften Form zu begleiten. Das genau aber ist die Denkfigur des logos spermatikos: Im Anfang ist nicht das fertige Werk, sondern eine freie, gestaltbildende (Einbildungs)Kraft, eine unsichtbare Möglichkeit, die etwas ins Werk setzt, die zur Sichtbarkeit drängt, kurz: ein Sein, das Da sein will.

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KOMMENTAR (IV)

1. Albertis „Fenster“ – die Geburt des perspektivischen Bildraums

Mit „Albertis Fenster“ bezeichnet man eine berühmte Metapher aus Leon Battista Albertis kunst-theoretischer Schrift De pictura (Über die Malerei, 1435/36). Sie gehört zu den wichtigsten Formu-lierungen der europäischen Kunstgeschichte, weil Alberti damit beschreibt, was ein Gemälde eigentlich ist und wie sich der Betrachter zu ihm verhält.

Alberti formulierte sinngemäß die Aufforderung: „Zuerst zeichne ich auf der Fläche ein Viereck von beliebiger Größe, das mir gleichsam ein offenes Fenster ist, durch das ich das, was hier gemalt werden soll, betrachte.“ Dieses „Fenster“ ist keine bloße poetische Metapher. Es beschreibt einen fundamentalen Wechsel im Verständnis des Bildes gegenüber demn Mittelalter.

 

2. Was ist „Albertis Fenster“?

Stell dir eine Glasscheibe vor, die zwischen Betrachter und Welt steht. Auf dieser Scheibe werden die sichtbaren Dinge so dargestellt, dass sie den Eindruck erwecken, hinter der Fläche weiterzu-gehen. Das Entscheidende ist also:

Betrachter → Fenster/Bildfläche → dargestellte Welt

Das Gemälde wird zu einer Öffnung in einen konstruierten (dreidimensionalen) Raum. Die eigent-liche Bildfläche bleibt materiell eine flache Fläche – aber sie erzeugt die Illusion einer drei-dimensionalen Welt hinter dieser Fläche.

3. Warum gerade ein Fenster?

Das Fenster besitzt eine doppelte Eigenschaft: Es trennt. Innen und Außen werden voneinander geschieden - und: Es verbindet. Gleichzeitig ermöglicht das Fenster den Blick von einem Raum in einen anderen. Genau diese Doppelstruktur macht es für Alberti so geeignet: Das Bild trennt die materielle Welt des Betrachters von der illusionistisch dargestellten Welt – und ermöglicht zugleich den ungehinderten Zugang zu ihr durch den Blick. Das Gemälde wird damit zu einer Grenzfläche zwischen zwei Räumen, die aber so aufeinander bezogen erscheinen, als wären sie ein Raum.

 

4. Das Fenster als Modell der Perspektive

Albertis Metapher steht unmittelbar mit der linearen Zentralperspektive in Zusammenhang. Die Welt wird aus einem bestimmten Blickpunkt/Blickwinkel dargestellt. Die Perspektive organisiert diesen Raum mathematisch-geometrisch. Parallele Linien können scheinbar auf einen Fluchtpunkt zulaufen; Größen verändern sich entsprechend ihrer Entfernung. Damit entsteht eine neue Vorstellung: Das Bild ist eine systematisch konstruierte Sicht auf die Welt von einem bestimmten Standort aus.

 

5. Der Betrachter wird Teil des Bildes

Das ist vielleicht die interessanteste Konsequenz. Vor Alberti war das Bild nicht als „Fenster zur Welt“ gedacht. Mit der "Erfindung" der Zentralperspektive wird aber der Standpunkt des Betrach-ters entscheidend. Das Bild sagt gewissermaßen: Schau von genau hier. Damit besitzt das Bild einen impliziten Betrachterstandpunkt. Der Betrachter steht nicht mehr einfach vor einem Bild. Er wird in eine bestimmte Beziehung zu dem dargestellten Raum eingesetzt.

6. Die Welt wird zur sichtbaren Konstruktion

Albertis Fenster bedeutet deshalb auch: Sehen kann konstruiert werden. Das ist ein entscheidender Schritt in der Renaissance. Die Malerei versucht nicht nur, Gegenstände möglichst ähnlich darzu-stellen. Sie konstruiert zuvor einen nach Regeln geordneten visuellen Raum, der dann entsprechend eingerichtet wird. Dabei wird die Geometrie zum Vermittler zwischen: Welt → Auge → Bild. Das Bild wird zu einer Art Übersetzung des Sehens in mathematische Ordnung.

 

7. „Fenster“ und „Bildfläche“

Hier liegt ein faszinierendes Paradox. Das Gemälde ist tatsächlich eine flache Oberfläche. Aber der Betrachter soll diese Oberfläche nicht als Oberfläche wahrnehmen. Er soll gewissermaßen durch sie hindurchsehen. Damit entsteht eine Spannung: Das Bild ist gleichzeitig Fläche und Raum. Oder:

Es ist eine materielle Wand, die sich als immaterielles Fenster ausgibt. Das ist eine der grundlegen-den Illusionen der europäischen Tafelmalerei. Das Bild tut so als ob.... Schärfer formuliert: Es belügt uns.

 

8. Alberti und das „Geschichtsgemälde“

Albertis Fenster ist allerdings nicht nur eine Theorie der perspektivischen Darstellung. Für Alberti ist die eigentliche Aufgabe der Malerei die Darstellung einer historia – einer bedeutungsvollen Geschichte, einer Handlung bzw. Szene mit mehreren Figuren. Die Perspektive schafft dafür den Bühnenraum. Man könnte sagen:

Perspektive → erzeugt Raum

Raum → ermöglicht Handlung

Handlung → erzeugt Geschichte

Geschichte → erzeugt Bedeutung

Das Bild wird damit zu einer Art visueller Bühne. Der Betrachter steht davor wie vor einem Fenster – oder wie vor einer Bühne und folgt der Inszenierung.

 

9. Eine erkenntnistheoretische Bedeutung

Albertis Fenster lässt sich auch erkenntnistheoretisch lesen. Denn die Perspektive macht deutlich:

Wir sehen die Welt immer von einem bestimmten Standpunkt aus. Das Bild zeigt nicht einfach „die Welt“. Es zeigt die Welt, wie sie von einem bestimmten Sehpunkt aus erscheint. Damit wird der Betrachterstandpunkt zu einem Bestandteil der Bildordnung. Das ist bemerkenswert modern.

Denn die Renaissance-Perspektive führt zu einer Vorstellung, die später vor allem für die euro-päische Wissenschaft enorm wichtig wird: Die Welt kann von einem bestimmten Subjektstandpunkt aus geordnet und dargestellt werden.

 

10. Das Fenster und die Geburt des autonomen Betrachters

Hier liegt eine weitere wichtige Konsequenz. Der Betrachter steht außerhalb des Bildraums. Er betrachtet eine Welt, die sich vor ihm öffnet. Damit entsteht eine deutliche Subjekt-Objekt-Struktur:

Ich → sehe → Welt. Das entspricht dem neuzeitlichen Verständnis des betrachtenden Subjekts.

Das Renaissancebild könnte deshalb als ein frühes Modell der neuzeitlichen Weltanschauung verstanden werden: Die Welt liegt vor dem betrachtenden Menschen und kann durch eine Ordnung des Sehens erschlossen werden.

 

11. Ist das wirklich so?

Albertis Fenstermetapher wurden von der modernen Kunst schon früh hinterfragt. Ihre Kritik an der neuzeitlichen Weltauffassung stehen in einem spannenden Gegensatz.

Alberti / Zentralperspektive: Betrachter (Subjekt) → Welt (Objekt)

Die Welt wird vor dem Menschen als sichtbarer, geometrisch geregelter  Raum aufgebaut. Anders in der modernen Kunst. Der Mensch steht nicht einfach vor der Welt und betrachtet sie. Er ist immer schon in einer Welt (In-der-Welt-sein, Geworfenheit). Das ist ein fundamentaler Unterschied. Albertis Fenster kann deshalb als ein Modell der Distanzierung verstanden werden: Ich stehe hier – die Welt ist dort (Subjekt-Objekt-Spaltung). Die moderne Kunst hat gerade diese Vorstellung radikal verworfen. (Polypersktive, Kubismus, Surrealismus). Der Mensch ist niemals ein isoliertes Subjekt, das einer objektiven Welt gegenübersteht.

 

12. Albertis Fenster und die moderne Kunst

Und genau hier beginnt die Geschichte der modernen Kunst. Wenn die Zentralperspektive behaup-tet: Das Bild an der Wand ist ein Fenster zur Welt, kann die moderne Kunst fragen: Warum muss ein Bild überhaupt ein Fenster sein? Im Impressionismus, Kubismus, Surrealismus und in der abstrakten Kunst wurde diese Vorstellung zunehmend aufgebrochen - aber nie ganz verworfen. Man kann ver-kürzt sagen: Die Fenstermetapher wandelt sich radikal, aber bleibt, der zentralperspektivische Raum geht. Die Bildfläche wird wieder als Fläche sichtbar. Bei Cézanne etwa wird der Landschafts-raum nicht mehr einfach als mathematisch eindeutige Perspektive organisiert. Beim Kubismus zerfällt der einheitliche Stand- und Blickpunkt. Und in der Abstraktion verschwindet schließlich die Notwendigkeit für das Bild, überhaupt noch ein „Fenster“ zu einer äußeren Welt zu sein. Damit könnte man die Geschichte der neueren Malerei auch als eine Geschichte der Demontage (Dekonstruktion) von Albertis Fenstermetapher lesen... Könnte man, doch wie passt da WINDWOS ins Bild? - Fenster die wir ständig öffnen und schließen und die für uns die Welt immer radikaler zum Bild machen.

 

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